Trauer zwischen den Welten

by kansi // print // german translation

Ich wusste, dass eine Zeit kommen würde, in der meine Großeltern nicht mehr da sein würden. Ich habe darüber nachgedacht, aber ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich so weit weg sein würde.

Als ich älter wurde, habe ich oft gedacht,

wie verheerend der Tod ist
Ich konnte mir nie vorstellen, selbst damit umzugehen.

Dann kam mein “Erwachsenen-” Leben, und ich wusste, dass es eine Realität werden würde, mit der ich mich eher früher als später auseinandersetzen müsse.

Ich wusste, dass eine Zeit kommen würde, in der meine Großeltern nicht mehr da sein würden,

Ich habe darüber nachgedacht, aber ich hätte mir nie vorstellen können, dass ich so weit weg sein würde.

Ich verlor meine Großmutter im September, ein paar Tage vor meinem 25. Geburtstag.

Ich habe an diesem Tag mehr Tränen geweint als in meinen ganzen zwanziger Jahren. Ich dachte, dass ich sie nicht noch mal sehen würde, wenn ich nicht rechtzeitig nach Hause komme.

Ich hatte den egoistischen Gedanken, dass, wenn sie noch ein paar Tage oder Wochen gewartet hätte meine Geburtstagserinnerungen vielleicht glücklicher wären; diese Gedanken waren schneller weg als die Tränen.

Mein ganzes Leben lang schrieb sie mir an meinem Geburtstag Briefe. Schon bevor ich überhaupt lesen konnte. Einmal vergaß sie es und ich weigerte mich den Kuchen anzuschneiden, bevor sie nicht einen geschrieben hatte.

Die Schuldgefühle kommen:

hätte
mehr anrufen
öfter besuchen
früher antworten
sollen

Diese Gedanken verfolgen mich und werden wohl noch eine Weile bleiben.

Denn wir leben mit der Schuld, dass wir uns entschieden haben, unsere Familie zurückzulassen, weil wir uns finden wollten, ohne sie; eine Form von Glück, während wir einen Teil von uns verloren haben.

Jetzt, wo sie nicht mehr da ist, habe ich nur noch diese unbeantworteten Textnachrichten.

“Ich liebe dich”
“Ruf mich an”
Verpasster Anruf
“Meri Jaan”
“Ich vermisse dich.”

In den Tagen vor ihrem Tod dachte ich, ich sei eine Hochstaplerin, die von ihrer Familie getrennt ein anderes Leben führt. Ich lebe zwei Identitäten. Eine hier in Deutschland und eine, die ich zurückgelassen habe und nur für ein paar Tage wieder aufnehme, wenn ich zurückkehre. Die einzigen Verbindungen die ich habe, sind die kleinen Dinge die ich mitgebracht habe, um mich an sie zu erinnern, bis es nicht mehr genug zu sein scheint.

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Meine Großmutter war technikaffin, liebte es, Verwandte auf Facebook und Whatsapp zu stalken, sie vergaß oft die Zeitverschiebung und rief mich an, wenn sie mich vermisste und es 4 Uhr morgens in Leipzig war. Ich blockierte sie einmal weil ich wütend darüber war, dass ich nicht genug Schlaf bekomme.
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Bild Links: Meine Großmutter und mein Vater als Baby

Wie geht man damit um, dass ein geliebter Mensch stirbt, wenn man so weit weg wohnt?
Wo ist das Zentrum deines Universums?
Bei dir oder bei deiner Vergangenheit?
Dein Zuhause oder dein neues Zuhause?

Mir wurde klar, dass die fünf Phasen der Trauer bei Migrantinnen anders ablaufen, als die üblichen:

Verleugnung -> Wut -> Aushandeln -> Depression -> Akzeptanz

Wir gehen durch eine intensivere, längere Version von

Schuld -> Sehnsucht -> Hoffnungslosigkeit -> Abwesenheit -> Kompromiss

Die Schuldgefühle, nicht da gewesen zu sein, die Sehnsucht, näher zu sein, die Hoffnungslosigkeit deiner Entscheidungen, das Fehlen der Gemeinschaft, die dir Trost spenden könnte, und der letzte Kompromiss, den du eingehen, um die Situation zu akzeptieren.Im Jahr 1965 beschrieb ein Psychologe einen anderen Trauerprozess, zu dem zunächst Taubheit und Sehnsucht gehören, dann die Suche, die zu Desorganisation und Verzweiflung führt und schließlich die Neusortierung. Wenn ich über Menschen nachdenke, die mit kulturellen Identitäten und Trauer zu kämpfen haben, gibt es keine einheitliche Vorgehensweise bei diesen Prozessen. Viele Menschen, egal aus welcher Diaspora, bleiben vielleicht in der zweiten Phase stecken und sind ständig auf der Suche. Einige haben vielleicht Glück und finden Gemeinschaften, die ihrer Vergangenheit ein wenig ähneln.

Sie füllten Lücken, die ich nie zu bemerken glaubte. Manchmal möchte ich vergessen, dass ich an einem anderen Ort existierte, und jetzt sind alles, was von mir dort übrig ist, unvollendete Erinnerungen. Warum fühlt es sich so an als wäre mein engster Freundinnenkreis ungesund, obwohl es das Einzige ist, das mich in der Realität hält.

Es gibt nur wenige wissenschaftliche Studien über Verluste von Migrantinnen und generationenübergreifende Traumata in einem transnationalen Kontext, weil es vielleicht keine Priorität ist, eine Lösung für dieses Trauma zu finden. Wir können nur hoffen, dass wir uns gegenseitig unterstützen und die Verbindungen, die wir hier knüpfen, um uns unseren Kulturen näher zu fühlen, wertschätzen.

Etwas, das ich in der Nacht nach ihrem Tod geschrieben habe, als ich um 3:33 Uhr nachts nicht schlafen konnte:

3:33 
Für Renu Kansal
__________

Ich vermisse dich
Scheint zu trivial
In diesen Zeiten
Denke ich an
an all die Zeiten
Ich hätte mehr anrufen können

Ich denke an all die Male…
Du sagtest, du möchtest
Mich zu besuchen
Ich denke an jeden
Morgen vor der Schule
An jede Prüfung und jeden besonderen Tag
Mit einem Löffelchen voll Quark und Zucker
Du hast im Morgengrauen gewartet

An all die Male, die du geweint hast.
Als ich ging
Jetzt kann ich nur
Weinen, dass du gegangen bist
Aber nicht alles ist verloren
Du hast uns geliebt
Ich hoffe, du siehst herab
Und bist stolz
Oh, wer wir sein sollen
Es ist alles, was du uns gelehrt hast zu sein

Translation by: Salome Theenhaus

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